Reibungen oder das Widersprüchliche an sich selbst

von Petra Maria Meyer

 

Wie lassen sich Überlegungen zu drei Künstlerinnen verbinden? Da es sich um eine Schriftstellerin, eine Komponistin und eine bildende Künstlerin handelt, die gleichermaßen künste- und medienübergreifend arbeiten, sind die Leitfäden, die man aufgreifen könnte, allzu zahlreich. Die Komplexität der Thematik erhöht sich wiederum dadurch, dass Elfriede Jelinek, Olga Neuwirth und VALIE EXPORT uns nicht nur mit ihren künstlerischen Arbeiten bereichern. Vielmehr beteiligen sie sich auch an den Diskursen über und an den Verstehensprozessen von Kunst. Wenn eine Künstlerin eine andere zu verstehen gibt, zeigt sich nicht nur, was die Wissenschaft von der Kunst lernen kann, sondern auch, was die Poesie von der bildenden Kunst und die Musik von der Poesie versteht. Im Zentrum dieses Schaffensprozesses dreier Frauen, die im gegenseitigen Austausch stehen, in dem sich Kunst aus Kunst im Medienwechsel generiert und ein anderer Sinn als konventionelle Bedeutung freigesetzt wird, steht Elfriede Jelinek. Sie schrieb instruktive Texte zu Arbeiten von VALIE EXPORT und unterstützte die Komponistin Olga Neuwirth, die ihrerseits Jelineks Radiostück mit dem sprechenden Titel Für den Funk dramatisierte Ballade von drei wichtigen Männern sowie dem Personenkreis um sie herum (erstgesendet 1974) in eine Satirische Handtelleroper transformierte. Der Titel dieser Oper ist ebenfalls sprechend: Körperliche Veränderungen.

Körperliche Veränderungen wird auch im Zentrum meiner Überlegungen zur Stimme und zur Intermedialität stehen, in die ich abschließend noch VALIE EXPORTs Videoinstallation I turn over the pictures of my voice in my head einbeziehen werde. Der von VALIE EXPORT gesprochene Text zur Stimme könnte problemlos als philosophisch-wissenschaftlicher Text rezipiert werden, würde er sich nicht an der stimmlichen Verlautbarung und der Bildebene im Video reiben. Intermediale Reibungen und Widersprüche an sich selbst kennzeichnen die Arbeiten aller hier benannten Künstlerinnen, die jede beseelte Anhauchung des „Ach“ durch die Stimme in der Sprache zu sich selbst in Widerspruch bringen. Einige allgemeine Überlegungen zur Stimme seien insofern vorangestellt.

Die Stimme als das Widersprüchliche an sich selbst

In der Stimme trägt sich immer schon das Widersprüchliche an sich selbst aus, denn sie ist innen wie außen, im symbolischen ebenso wie im symptomatischen Feld verankert, sowohl kulturell und medial durchformt als auch Träger somatischer Spuren weiterlesen

 

Petra Maria Meyer: Professorin für Kultur- und Medienwissenschaften mit Schwerpunkt Philosophie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel. Als neueste Publikation erschien 2016 die Monographie "Gedächtniskultur und künstlerische Erinnerungspraxis. Kieler Vorlesungen zu GedächtnisMedienMetaphern im historischen Wandel".


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