"Der Lebensatem ist ihre Quelle"

Die Stimme als Objekt des Unheimlichen und der Angst

von Michaela Wünsch 

 

Die Stimme ist immer woanders, sie ist weder Körper noch Geist. Das Verstörende an EXPORTs Performance the voice as performance, act and body, die 2007 auf der Biennale von Vendig aufgeführt wurde und aus der der Film I turn over the pictures of my voice in my head (2008) stammt, ist, dass die Stimme hier sehr wohl Teil des Körpers ist, die Worte der Sprecherin versiegen bei dem Satz „Der Lebensatem ist ihre Quelle“, weil das Laryngoskop in die Stimme geformt wird, verborgen im Körper, „im Geheimen“, dem Blick nicht zugänglich, scheint hier ausgestellt zu werden und in Gegensatz gestellt zu der Stimme, die auch Geist ist oder Diskurs, die oft als gesprochene Worte von woanders zu kommen scheint, abgeschnitten von einer körperlichen Dimension. Man kann diese Gegenüberstellung als eine ironische Ausstellen insbesondere des weiblichen Körpers eine Provokation implizierte. Denn in dieser Arbeit wird der fleischliche, weiblich konnotierte Anteil der Stimme zwar provokativ sichtbar, jedoch unterläuft der theoretisch versierte Text die Annahme, dass diese Provokation subversiv wirken könnte. Die folgenden Ausführungen sollen jedoch nicht in erster Linie diese Arbeit als einzelne oder im Kontext von EXPORTs Werkgeschichte analysieren, sondern den vermeintlichen Dualismus zwischen einem physischen Ursprung der Stimme und einem geistigen metaphysischen Diskurs aufzeigen. Es soll zunächst herausgearbeitet werden, dass auch die Stimme als Träger von Worten und Sinn einen unheimlichen Anteil hat. 

Michel Chion nennt die körperlose Stimme in seiner Abhandlung zur Stimme im Kino „akusmatisch.“ Obwohl die Stimme ohne Körper – oder vielleicht auch gerade deshalb – unheimlich ist, nehmen wir sie nach Chion „ursprünglich“ auf diese Weise wahr. Er behauptet, dass entgegen der Annahme, dass Körper und Stimme selbstevident und natürlich zusammengehören, Kinder primär die Stimme als etwas vom Körper Getrenntes wahrnehmen. Es bedarf daher einer strukturalen Operation, um diese beiden Instanzen zusammenzuführen. Diese die diese Wunde zu schließen versucht und die auch in EXPORTs Text im Film erwähnt wird. Nach Chion verdeutlicht insbesondere Alfred Hitchcocks Film Psycho (USA 1960) zwei unmögliche Vernähungen: das verschlungene Paar der Urszene und das Paar von Körper und Stimme, die auf gewisse Weise zusammen gehören weiterlesen

 

Michaela Wünsch: Studium und Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Kulturwissenschaft, Post-Doc-Stipendien an der Jan-van-Eyck-Academie Maastricht und am Institute for Cultural Inquiry Berlin. Lehre u.a. zu Psychoanalyse und Film, Medienästhetik, Gender und Race in audiovisuellen Medien u.a. in Wien, Berlin, Bochum, Braunschweig und Graz.


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