Stimmlichkeit und Weiblichkeit bei VALIE EXPORT, Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

von Jenny Schrödl

 

Die Relation von Stimmlichkeit und Weiblichkeit stellt sich als ein heterogenes und vielschichtiges Feld dar, welches sehr unterschiedliche Themen und Diskurse beinhaltet: So umfasst es beispielsweise die Frage idealisierter Weiblichkeit im Feld der Rhetorik – bei gleichzeitigem Ausschluss konkret sprechender Frauen aus den öffentlichen Bereichen und Bildungsinstitutionen. Der Zusammenhang von Weiblichkeit und Stimmlichkeit beinhaltet zudem die Stilisierung und Imagination der weiblichen Stimme als des Anderen (des Logos, des Männlichen) in der abendländischen Geschichte, welche einerseits - zentrischer Vorstellungen verstanden wird. Ebenso umfasst das Feld von Stimmlichkeit und Weiblichkeit (Re-)Aktualisierungen und Tradierungen von mit Stimmen verbundenen Weiblichkeitsklischees in Theater, Oper, TV, Film oder Internet, so zum Beispiel: die „reine, helle, glockenklare Kopfstimme“ als Bild der entsexualisierten Frau, die „tiefe, raue, rauchige Stimme“ als erotische Stimmlage der Femme Fatale, die „weiche, hohe, melodiöse Stimme“ als Stimme der Mutter.

Hervorzuheben ist in dem Zusammenhang die performative Verfasstheit der mit der Stimme verbundenen Geschlechtlichkeit. Mit stimmlicher Artikulation und auch mit der Nicht-Artikulation, mit dem Schreien, Sprechen und Schweigen werden Weiblichkeit, Männlichkeit, Geschlechterdifferenz und damit verbundene Hierarchien und Machtverhältnisse stets mit hervorgebracht. Die geschlechtlich besetzte Stimme stellt keine naturgegebene und mithin unveränderliche Tatsache dar, sondern ein soziokulturelles Produkt, das aus einem Zusammenspiel von physischen und psychosozialen Elementen, sexuell-geschlechtlichen Sozialisationen nach gesellschaftlich etablierten Rollenbildern, Normen und Idealen sowie Körpertechniken, vokalen Mustern und Technologien einer jeweiligen Zeit und Kultur resultiert. Dies zu betonen, ist vor allem deshalb wichtig, da die soziokulturelle Konstitution und Formierung der Stimme weniger stark im kulturellen Bewusstsein verankert zu sein scheint als beispielsweise in Bezug auf Kleidung, Frisuren, Accessoires.

In den Performance- und Installationskünsten, in Bereichen des postdramatischen Theaters, des experimentellen Hörspiels und der neuen Musik spielt die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Stimmlichkeit und Weiblichkeit, mit der Frage nach Erscheinungsformen, Bedeutungen und Funktionen von weiblichen Stimmen eine wesentliche Rolle, welche von der Forschung bislang wenig beachtet wurde weiterlesen

 

Jenny Schrödl: Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der FU-Berlin. Promotion im Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen mit einer Studie zur Stimme (Vokale Intensitäten. Zur Ästhetik der Stimme im postdramatischen Theater). Forschungsschwerpunkte: Theorie und Ästhetik der Stimme sowie Gender/Queer Theorie und Performance. Zahlreiche Aufsätze zur Stimme und zum Hören sowie Mitherausgeberin von Kunst-Stimmen und Stimm-Welten.


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