Karin Beier im Gespräch mit Christian Schenkermayr

Dionysos und Apollon zugleich

Über die Uraufführungsinszenierung von Kein Licht. 

Elfriede Jelinek: Kein Licht. Uraufführung. Schauspiel Köln, Inszenierung: Karin Beier, 2011. Sachiko Hara. Foto: Klaus Lefebvre

Christian Schenkermayr: Kein Licht. ist nach Die Kontrakte des Kaufmanns und Ein Sturz bereits der dritte Theatertext Elfriede Jelineks, der während Ihrer Intendanz am Schauspiel Köln zur Uraufführung kommt. Was interessiert Sie an der theaterästhetischen Konzeption von Jelineks Stücken?
Karin Beier: Es ist sicherlich nicht besonders überraschend, wenn ich an erster Stelle Frau Jelineks Sprache erwähne. Diese Sturzflut aus Worten und Sätzen, die den Hörer auf der einen Seite sinnlich überwältigt und auf der anderen Seite aber hochgradig konstruiert ist. Eine Art „Elementarkraft“, die aus dem Geistigen entsteht. Dionysos und Apollon zugleich. Das Chthonische und die Klarheit, die unkontrollierbare Flut und die Architektur. Letzendlich vereint die Sprache genau das, was inhaltlich das Gegensatzpaar bildet: Der Mensch versus die Natur. Die fixe Idee, die Zivilisation, versus die ungebändigte Kraft. Also im Prinzip werden hier inhaltliche „Gegner“ durch die Sprache vereint. Das finde ich extrem aufregend. Dass die Texte keine Psychologie und keine konventionellen Figuren anbieten, macht sie für das Theater ebenso schwierig wie reizvoll. Sie öffnen so große Assoziationsfelder, die gedanklich kompliziert und ineinander verwoben sind. Was mich als Regisseurin daran reizt, ist der Freiraum, Bilder, Situationen, Atmosphären zu schaffen, sie mit ihrer Sprache zu kombinieren und damit den Zuschauer herauszufordern, eigenen Assoziationen zu folgen. Das ist etwas, das mir am Theater grundsätzlich sehr wichtig ist.
Christian Schenkermayr: In Jelineks neuem Stück Kein Licht., in dem das Erdbeben und die daraus resultierende Atomkatastrophe in Japan (Fukushima) thematisiert wird, finden sich sehr viele Motive, die bereits bei den von Ihnen inszenierten Theatertexten Das Werk, Im Bus und Ein Sturz eine zentrale Rolle gespielt haben (z.B.: Natur, vom Menschen verschuldete Katastrophen, Hybris sowie das Verdrängen und Vergessen der Schuld). Inwieweit sehen Sie das neue Stück als eine Fortschreibung dieser Texte? Welche Auswirkungen hatte das auf Ihre Inszenierungsarbeit an Kein Licht.? weiterlesen

aus: JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2012, S. 73-79.


Karin Beier Ab 1988 Hausregisseurin am Düsseldorfer Schauspielhaus, ab 1995 Inszenierungen in Hamburg, München, Hannover, Bonn, Bochum, Zürich und Köln. Fünf Jahre Hausregisseurin am Burgtheater. 2007 übernahm sie die Intendanz des Schauspiel Köln. Seit 2013/14 Intendantin am Hamburger Deutschen SchauSpielHaus. Für ihre Inszenierungen erhielt sie zahlreiche Preise, u. a. wurde Das Werk / Im Bus / Ein Sturz 2011 von der Zeitschrift Die deutsche Bühne als beste Inszenierungen ausgezeichnet.

Christian Schenkermayr Studium der Germanistik an der Universität Wien. Seit 2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. 2016 Promotion mit einer Arbeit über interreligiöse Diskurse im Spannungsfeld sprachanalytischer Schreibverfahren am Beispiel ausgewählter Texte von Elfriede Jelinek, Barbara Frischmuth und Josef Winkler. Seit 2017 Postdoc an der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien. 


ZITIERWEISE
Schenkermayr, Christian: Dionysos und Apollon zugleich. Über die Uraufführungsinszenierung von Kein Licht.. Karin Beier im Gespräch mit Christian Schenkermayr. www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/schreibverfahren/karin-beier-christian-schenkermayr/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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