Variationen des Stillstehens

Musikalische und performative Strukturen in Elfriede Jelineks Winterreise

Gespräch zwischen Birgit Lodes und Monika Meister

 

Monika Meister: Aus den Gesprächen im Rahmen unserer Arbeitsgruppe haben sich einige überraschende Überlegungen ergeben. Überraschend deshalb, weil wir bislang nicht wussten, dass musik- und theaterwissenschaftliche Felder sich in einem Text so vielfach überschneiden. Jelineks Theatertext ist 2011 erschienen und in acht Teile gegliedert. Es gibt keine zugeordneten Redeinstanzen, und der Text wechselt zwischen Ich- und Wir-Monologen. Hineingewoben sind Zitate aus der von Wilhelm Müller und Franz Schubert. Wir möchten Ihnen zu Beginn einen Ausschnitt aus der Uraufführungsinszenierung von Johan Simons zeigen und danach bestimmte Felder, die in diesem Ausschnitt zu sehen sind, aufgreifen. 

 

Birgit Lodes: Am Klavier vorgetragen hören Sie Schuberts Melodie zu Müllers Text. In Jelineks wird dieser Text nicht gesungen. Wer aber Schuberts Lieder kennt, hört zur vorgetragenen Klaviermelodie automatisch den Text von Müller. Jelinek greift gleich in den ersten beiden Sätzen ihres Theaterstücks mehrere Bilder aus Müllers erstem Lied auf: das Ziehen ("Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?") sowie den Schatten und das Vorbei im zweiten Satz ("Mein Schatten kann es nicht sein, den habe ich ans Vorbei abgegeben."). Während der Schatten in den ersten Strophen von Müllers Lied eine wichtige Rolle als Begleiter des Wanderers spielt, ist bei Jelinek die Sprechinstanz ganz alleine, sogar ohne Schatten, unterwegs. Bereits in Müllers Text verbindet das Motiv des Fremdseins alle genannten Personen miteinander. Außenseiterdasein gehörte sowohl für den Deserteur Müller als auch für Schubert zu den prägenden Grunderfahrungen ihres Lebens: Letzterer hat eigentlich nur im engeren Freundeskreis musikalisch reüssiert und z.B. Aufführungen seiner größeren Instrumentalwerke kaum je erleben dürfen. Und auch Jelinek ist auf ihre Weise eine selbstgewählte Außenseiterin der Gesellschaft, die im Übrigen in ihren Dankesworten (Fremd bin ich) zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 2011 auch Müllers und Schuberts Winterreise explizit als "Werk der Heimatlosigkeit" bezeichnet. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, wie Schubert mit dem zweifach betonten Fremdsein ("Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh' ich wieder aus.") umgeht: In der Melodie ist der erste Ton zugleich der höchste, und danach geht es nur mehr nach unten. Diese Bewegung ist ein Inbegriff an Hoffnungslosigkeit. Das "Fremd" wird musikalisch zwielichtig aufgeladen, weil es einerseits als höchster Ton der Phrase eine Betonung bekommt, andererseits aber – entsprechend dem jambischen Versmaß – auf unbetonter Zeit einsetzt.

 

Monika Meister: Wir haben soeben eine Stelle aus Johans Simons Inszenierung der gesehen, weil die Sprache absent ist und die physische Präsenz des Textes in ganz anderer Weise zum Ausdruck kommt. Durch eine rhythmisierte Schluckauf-Bewegung, die von einer Figur ausgeht, kollektiv übernommen wird und in der Folge in ein Atmen übergeht, entsteht gewissermaßen ein Gewebe ohne Text. Daran kann man viele Elemente anschließen weiterlesen

 

Birgit Lodes: Studium der Musik für das Lehramt an Gymnasien sowie der Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gaststudienjahre an der University of California Los Angeles und an der Harvard University. 1995 Promotion, 2002 Habilitation an der Universität München. Seit 2004 Universitätsprofessorin für Musikwissenschaft an der Universität Wien, seit 2008 zudem k.M. der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Forschungsschwerpunkte: Musik der Renaissance und des 18.–20. Jahrhunderts; Text und Musik; Musikleben. Mitglied der Forschungsplattform Elfriede Jelinek.

Monika Meister: Studium der Theaterwissenschaft, Ethnologie und Philosophie in Wien. Habilitationsschrift zum Thema Purgatorium - Katharsis - Subversion. Zur Geschichte einer Theorie des Theaters im 19. und 20. Jahrhundert. Seit 1992 Universitätsdozentin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien, 2004-2010 Institutsvorständin. Vorlesungen, Publikationen und Vorträge zur Geschichte und Theorie des Theaters. Stellvertretende Leiterin der Forschungsplattform Elfriede Jelinek


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