„Alle wussten es“

Das Singspiel "Der tausendjährige Posten oder Der Germanist"

Irene Dische im Gespräch mit Pia Janke:

Pia Janke: Elfriede Jelinek hat eine besondere Beziehung zur Musik, wobei es unterschiedliche Aspekte gibt: sie hat eine musikalische Ausbildung und selbst komponiert, es gibt Libretti und Texte für Musik von ihr, und sie hat Essays über Musik verfasst. Ein eindrucksvoller Essay von ihr ist über Franz Schubert, zu dem sie eine spezielle Affinität hat. So sind auch Werke im Kontext von Schubert entstanden, u. a. Der Tod und das Mädchen III (Rosamunde), und es gibt in ihren Arbeiten immer wieder intertextuelle Verweise zu diesem Komponisten. Ein Werk, das in Zusammenhang mit Schubert steht, stellen wir nun vor, ein Werk, das es noch zu entdecken gibt. Es handelt sich um ein Singspiel von Irene Dische, das Elfriede Jelinek übersetzt hat. Es heißt Der Tausendjährige Posten oder der Germanist und ist Ende der neunziger Jahre entstanden. Ich werde mit Irene Dische über das Stück sprechen. Wir werden in unserem Gespräch chronologisch nach der Handlung des Singspiels vorgehen und markante Musikbeispiele vorspielen. Wir sind kein Opernhaus, haben also keinen Chor und kein Orchester, dafür aber vier Solisten, eine Pianistin und ein Klavier, und zwar Nina Maria Plangg, Sopran, Anna Hauf, Alt, Alexander Kaimbacher, Tenor, und Günther Strahlegger, Bass. Wir haben also von jeder Stimmlage eine Person, und wir werden diese Stimmen so kombinieren, dass in dieser Besetzung auch Chöre und Ensembles möglich sind. Am Klavier ist Anna Sushon, die sich auch um die musikalische Einstudierung gekümmert hat, sie ersetzt also Orchester und Dirigenten. Frau Dische, wie ist es zur Idee zu diesem Stück und zu seiner speziellen Form gekommen?
Irene Dische:
Vor ungefähr fünfzehn Jahren wurde in Deutschland der Fall Schneider-Schwerte bekannt. Hans Schwerte war Dekan der Universität Aachen, der als liberaler und politisch linker Mann in der Studentenbewegung sehr populär gewesen ist. Als er schon im Ruhestand war, kam heraus, dass er gar nicht Schwerte hieß, sondern Hans Ernst Schneider, und ein ehemaliger hochrangiger SS-Offizier war. Er war in der NS-Zeit für das Ahnenerbe zuständig, auch für Mengeles Messgeräte. Er sollte die deutsche Kultur in Holland einführen, und sein Aufgabengebiet war auch die Auflösung von jüdischen Bibliotheken in Polen. Als der Krieg verloren ging, hat er sich für tot erklären lassen, unter neuem Namen seine Witwe geheiratet und seine zwei Töchter adoptiert. Meine erste Idee war, wie es denn gewesen ist, als seine Töchter achtzehn Jahre alt waren und man ihnen sagte: „Ihr seid jetzt alt genug, um zu erfahren, dass das euer Vater ist.“ Schuberts Operetten passten sehr gut dazu, denn sie sind so lieblich, und es geht immer um die Liebe, um die fortwährende Liebe. Einer der Verteidigungspunkte von Schwerte war, dass er so glücklich verliebt war. Und dann hab ich mich ein bisschen in dieser Form ausgetobt weiterlesen

 

Pia Janke Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft, Lehrgang für Kulturmanagement. Zunächst Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und der Oper Bonn. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien, Habilitation über politische Massenfestspiele in Österreich 1918-38. 2004 Gründung des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, seither Leiterin. Organisatorin von interdisziplinären Symposien, Ausstellungskuratorin. Lehraufträge an der Wiener Universität für angewandte Kunst und an der Musikuniversität. Bücher u.a. zu Peter Handke, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.

Irene Dische Geboren in New York, lebt in Berlin und in den USA. Veröffentlichungen von Reportagen in New York und The Nation. 1989 erschien ihr Erzählband Fromme Lügen. Es folgten u.a. Der Doktor braucht ein Heim (1990), Ein fremdes Gefühl (1993), Zwischen zwei Scheiben Glück (1997), Ein Job (2000), Fährnisse der Schönheit oder wie man die Unfall-Therapie anwendet (2004), Lieben (2006), Clarissas empfindsame Reise (2009) und Amerikanische Hochzeit (2015). Der Roman Großmama packt aus wurde 2005 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Fortsetzungen abgedruckt.


ZITIERWEISE
Janke, Pia: „Alle wussten es“. Das Singspiel „Der tausendjährige Posten oder Der Germanist“. Irene Dische im Gespräch mit Pia Janke. www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/libretti/der-tausendjaehrige-posten/pia-janke-irene-dische/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).

aus: Janke, Pia (Hg.): Elfriede Jelinek: „ICH WILL KEIN THEATER“. Mediale Überschreitungen. Wien: Praesens Verlag 2007 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE. Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 3), S. 388-400.


Elfriede Jelinek-
Forschungszentrum

Universität Wien
Universitätsring 1
A-1010 Wien | Austria
Tel: +43 664 1217525
Fax: +43 1 4277 8 42125
E-Mail