Vertrieben aus Zugehörigkeit. Jelineks Winterreise (2011)

von Corina Caduff

 

Die längste Szene in Elfriede Jelineks Stück Winterreise (2011) besteht aus einem äußerst eindringlichen Monolog, der von einer Vaterfigur gesprochen wird. Dieser Vater erzählt, wie er von seiner Ehefrau und seiner Tochter buchstäblich "abgeworfen" wird, hinausgeworfen aus dem gemeinsamen Haus, hinausgeworfen aus seinem bisherigen Leben, und er hält den beiden einen Stufenplan der Vertreibung vor, sie hätten ihm nach und nach dem Boden entzogen, ihn weggewiesen, zu den Irren gebracht, in eine Anstalt, ins Heim, „das aber kein Heim ist, es ist ein Heim für andere, nicht für mich [...].“ (Wi, S. 73)

Die Bezüge zu Friedrich Jelinek (1900-1969) sind unverkennbar: Der jüdisch-tschechische Vater der Autorin - ein Chemiker, der von den Nazis in der Rüstungsindustrie platziert wurde - erkrankte in den 1950er Jahren psychisch und lebte in den 1960ern in zunehmend verwirrtem Zustand mit Ehefrau und Tochter zu Hause. Im August 1968 wurde er in ein Pflegeheim gebracht, im Mai 1969 ist er in einer psychiatrischen Klinik gestorben. Die Vater-Szene in der Winterreise stellt sowohl die Vertreibung aus einem gesunden Selbst als auch die Vertreibung aus dem familiären Heim schonungslos dar, was sich auch darin zeigt, dass Mutter und Tochter dem Vater dazwischenfahren, seinen Monolog unterbrechen und selbst das Sprechen an sich reißen: „Zu lang haben wir ihn auf unseren Rücken mitgeschleppt, den Fremdling, der kein Mann und kein Vater mehr ist. Das weiß er selbst, Jetzt muß er raus [...]“ (Wi, S. 88) Vertreibung ist das zentrale Motiv in Jelineks Neudichtung der Winterreise: Es geht um die Vertreibung von Menschen aus Familien, Häusern, Städten und Ländern, um die Vertreibung von Menschen aus Biografien und Zugehörigkeiten.

Eine Präfiguration der Vater-Szene in der Winterreise stellt der letzte Teil des Theaterstücks Macht nichts (1999) dar, ein Monolog mit dem Titel Der Wanderer, der auf Schuberts gleichnamiges Lied verweist und ebenfalls ein Vater-Monolog mit ähnlichen Motiven ist (Vertreibung aus Haus und Familie, Verbringung ins Heim). In der Winterreise hat sich die Darstellung insofern radikalisiert, als hier der „Abwurf“ des Vaters schärfer und seitens der Täterinnen aktiver inszeniert wird, das Verhältnis zwischen Vertreibenden und Vertriebenen ist - nicht zuletzt aufgrund der autobiografischen Referenz - verstörend weiterlesen

 

Corina Caduff: Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste. Studium der Germanistik in Zürich. 1986-89 Regie- und Dramaturgieassistenzen am Theater am Neumarkt und am Theater an der Winkelwiese. 1992-2000 Assistentin und Oberassistentin an den Deutschen Seminarien der Universitäten Zürich und Genf, 2002-2008 Privatdozentin an der TU Berlin. Mitglied verschiedener Literaturkommissionen und Jurys. Bücher u.a.: Passionen. Objekte – Schauplätze – Denkstile (2010, mit A.-K. Reulecke und U. Vedder).


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