Wolfgang Schmitt & Franziska Schößler

Was ist aus der Revolution geworden?

Kapitalismuskritik und das intellektuelle Handwerk der Kunst in Elfriede Jelineks Bühnenessay Rein Gold

Die Revolution erkläre ich für beendet, schließlich betrifft sie auch mich, nein, sie betrifft mich nicht im geringsten, ich meine, sie betrifft in mir nicht den Geringsten, ich könnte sie genauso gut für eröffnet erklären; der Besitz ist wie neu verteilt, er wurde aber nur frisch gewaschen, das heißt diejenigen, die ihn hatten, haben ihn eben jetzt wieder, genau, nach der hunderttausendsten Wiederholung haben sie es endlich verstanden. Er wurde ihnen wieder gegeben, der Besitz. [1]

Programmzettel der Bayerischen Staatsoper zur Urlesung von Elfriede Jelineks Rein Gold, 1.7.2012

Diese Worte stehen nahezu am Ende von Elfriede Jelineks Bühnenessay Rein Gold, einem sich repetierenden Dialog (als Analogon der „beständige[n], eintönige[n] Wiederholung“ [2] des umlaufenden Geldes), der eine resignative Bestandsaufnahme revolutionärer Bemühungen unternimmt. Den Nukleus des Dialogs bildet das Gespräch zwischen Wotan und Brünnhilde im 3. Auftritt/3. Akt von Die Walküre, in dem die ungehorsame Tochter in den Feuerring gebannt wird. Jelinek ruft mit Wagners Tetralogie einen Opernzyklus auf, der in enger Auseinandersetzung mit der Revolution von 1848 entstanden ist, überblendet diesen mit Karl Marx’ Revolutionsschrift Manifest der kommunistischen Partei aus dem gleichen Jahr, seiner Studie zur politischen Ökonomie Das Kapital und mit dem weitgehend unbekannten Text eines Vorfahren, mit Herrmann (Herschel) Jelineks Schrift zu den Märzunruhen in Wien, die dieser nicht überlebt – mit 26 Jahren wird er wegen seiner politischen Aktivitäten hingerichtet. Erinnert wird damit an einen jüdischen Kämpfer, der sich stark an den deutschen Geistesgrößen wie Hegel abarbeitet [3] und einen Nationalismus propagiert bzw. eine Verherrlichung des Deutschen betreibt, die Jelinek in einer historischen Genealogie mit den dunklen Auswüchsen des deutschen Nationalismus konterkariert – mit dem Heldenmythos Wagners (samt seiner Vereinnahmung im Nationalsozialismus) und den rezenten Morden der NSU.
Jelinek entwirft also in Rein Gold eine Archäologie revolutionärer Positionen (samt ihrer Transformationen) bis hin zur Occupy-Bewegung (vgl. RG, S. 123-124), nimmt sich zudem noch einmal die großen Themen des Kapitalismus wie Geld, Tausch, Versprechen und Tauschwert vor und überdenkt, was aus den Revolutionsutopien im Angesicht neuerer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen geworden ist. Denn die Revolution schläft wie Brünnhilde: „Schläfst wie die Revolte, die jemand versprochen hat, die aber nie gekommen ist“ (RG, S. 96). Auch Bernard Shaw betont in seinem popularisierenden Wagner-Brevier, das Jelinek mehrfach zitiert und das ebenfalls eine enge Verbindung zwischen Wagner und Marx [4] herstellt, das Misslingen der Revolution. [5] weiterlesen

[1] Jelinek, Elfriede: Rein Gold. Ein Bühnenessay. Reinbek: Rowohlt 2013, S. 219. Zitiert im Folgenden mit der Sigle RG.
[2] Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Stuttgart: Kröner 1957, S. 86.
[3] Er ist der Überzeugung, dass die Wiener Revolution völlig ungeordnet, nicht geleitet von deutlichen Ideen stattfinde. Sein Vorbild sind deutsche Denker wie Hegel, die den Umsturz geistig organisiert hätten. Jelineks Text paraphrasiert: „Oh, wenn das Volk es auch nur wüsste, was für einen großen Aufwand von Kräften es gekostet, die Ideen der Freiheit zu schaffen, dass Jahrhunderte notwendig waren, damit ein klares bewusstes Streben nach einem bestimmten Ziel hin sich herausbilden konnte!“ (RG, S. 91) Wotan setzt dagegen: „Onkel Herrmann: Die Freiheit ist Unordnung!“ (RG, S. 92).
[4] Vgl.: Shaw, Bernard: Wagner-Brevier. Kommentar zum Ring des Nibelungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1973, S. 134.
[5] Vgl.: Ebd., S. 131.

aus: JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2013, S. 90-106.


Wolfgang Schmitt Derzeit als Film- und Literaturkritiker tätig, u.a. seit 2015 als freier Mitarbeiter für die Rhein-Zeitung und Neues Deutschland. Zuletzt erschien ein Aufsatz in einem Sammelband 2015 mit dem Titel Urlaub von der ‚Inneren Emigration'? Ernst Jüngers Atlantische Fahrt und das Politische.


Franziska Schößler Seit 2004 Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Trier. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Freiburg. Dreijährige Theatererfahrung (Dramaturgie und Regie) an den Städtischen Bühnen Freiburg und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin. Forschungsschwerpunkte: Drama und Theater, literarische Ökonomik, Gender Studies.


ZITIERWEISE
Schmitt, Wolfgang / Schößler, Franziska: Was ist aus der Revolution geworden? Kapitalismuskritik und das intellektuelle Handwerk der Kunst in Elfriede Jelineks Bühnenessay „Rein Gold“. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/intertextualitaet/wolfgang-schmitt-franziska-schoessler/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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