Gespräch mit Julia Lochte und Johan Simons,
moderiert von Christian Schenkermayr


Die „existenzielle Erfahrung der Endlichkeit“

Zur Uraufführung von Jelineks Winterreise

Christian Schenkermayr: Herr Simons, Sie haben mehrfach betont, dass Sie in Ihren Arbeiten die Grenzen des konventionellen Theaters zu sprengen versuchen. Das passt gut zu Elfriede Jelineks theaterästhetischem Ansatz und ihrem Umgang mit Sprache. Winterreise ist Ihre zweite Jelinek-Inszenierung nach Die Kontrakte des Kaufmanns. Was interessiert Sie an der ästhetischen und inhaltlichen Konzeption von Jelineks Theatertexten?
Johan Simons: Das ist von Text zu Text verschieden. Jelineks Winterreise ist ein sehr persönlicher Text. Insbesondere die zweite Hälfte hat mich an ihren Roman Die Klavierspielerin erinnert. Man merkt, dass sie Schuberts Liederzyklus selbst am Klavier begleitet hat. Das Besondere an Jelineks Texten ist, dass sich aus der Arbeit daran sehr viele unterschiedliche Fragen ergeben. Eine der ersten Fragen, die sich notwendigerweise stellen ist: welche Passagen des Textes werden verwendet? Der Textumfang von Winterreise beträgt ca. 100 Seiten, und es würde sehr lange dauern, das Stück in voller Länge aufzuführen. Bei vielen Stücken anderer Schriftsteller, etwa bei den Dramen von Samuel Beckett, hat man oft Schwierigkeiten, etwas vom vorgegebenem Text wegzunehmen. Dieses Problem existiert bei Jelinek nicht. Jelineks Schreibweise ist unendlich demokratisch. Sie lässt den Künstlern völlig freie Hand bei der Umsetzung ihrer Texte. Das finde ich sehr schön. Außerdem ist ihre Schreibweise stark vom Strom ihrer Gedanken geprägt. Ich habe folgendes Bild von der Autorin: Sie sitzt vor ihrem Computer, nimmt über diesen die Welt wahr und beginnt zu schreiben. Dabei schreibt sie sowohl aus ihrer Wahrnehmung als auch aus ihrem Herzen heraus. Ich stelle bei ihr zwei Schreibbewegungen fest: eine Bewegung der Welt gegenüber sowie eine Bewegung, in der sie das, was sie von der Welt wahrnimmt, auf ihre eigene Situation projiziert und darüber schreibt.
Christian Schenkermayr:
Sie haben erwähnt, dass in Winterreise viel Persönliches vorkommt. bei der Lektüre fällt mir vor allem die häufige Verwendung des Pronomens „Ich“ auf. Aber lässt sich angesichts der Komplexität und Vielschichtigkeit des Textes das Persönliche so einfach festschreiben und das Ich im Text auf das Ich der Autorin übertragen? weiterlesen

aus: JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2011, S. 58-65.


Julia Lochte Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetischen Praxis in Hildesheim, Mitbegründerin der freien Theatergruppe Aspik und des Theaterfestivals Transeuropa.  Dramaturgin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, Chefdramaturgin am Theater Basel und an den Münchner Kammerspielen. Seit der Spielzeit 2010/11 gehört sie als Chefdramaturgin zum Team von Johan Simons. Ab der Spielzeit 2015/16 ist sie Chefdramaturgin am Thalia Theater Hamburg.

Christian Schenkermayr Studium der Germanistik an der Universität Wien. Seit 2004 Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums. 2016 Promotion mit einer Arbeit über interreligiöse Diskurse im Spannungsfeld sprachanalytischer Schreibverfahren am Beispiel ausgewählter Texte von Elfriede Jelinek, Barbara Frischmuth und Josef Winkler. Seit 2017 Postdoc an der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien.

Johan Simons Ausbildung an der Rotterdamer Tanzakademie und an der Theaterakademie Maastricht. Inszenierungen u.a. am Schauspielhaus Zürich, an den Münchner Kammerspielen, an der Stadschouwburg Amsterdam, an der Opéra National de Paris, bei den Salzburger Festspielen und am Wiener Burgtheater. Von 2015 bis 2017 war Johan Simons künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale. Ab der Spielzeit 2018/19 leitet er das Schauspielhaus Bochum. Seit 2017 ist Simons am neu gegründeten Theater Rotterdam Berater für europäische Zusammenarbeit. Für seine Inszenierungen erhielt er zahlreiche Preise, u.a. 2014 den Berliner Theaterpreis.


ZITIERWEISE
Schenkermeyr, Christian: Die „existenzielle Erfahrung der Endlichkeit“. Zur Uraufführungsinszenierung von Jelineks „Winterreise“. Gespräch mit Julia Lochte und Johan Simons, moderiert von Christian Schenkermayr. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/intertextualitaet/julia-lochte-johan-simons/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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