Pia Janke

Jelinek und die Musik


Die Begründung der Schwedischen Akademie, Elfriede Jelinek den
Literaturnobelpreis 2004 zu verleihen, lautete auf Deutsch folgendermaßen: 

für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen.[1] 

Kaum jemand, jedenfalls in Österreich nicht, hat sich mit dieser Begründung auseinandergesetzt. Vielmehr war man, jedenfalls in Österreich, mit einer an Hysterie grenzenden Euphorie bemüht, die „österreichische Nobelpreisträgerin“ für sich zu beanspruchen, Erinnerungstafeln in Jelineks Geburtsort Mürzzuschlag anzudenken, JugendfreundInnen ausfindig zu machen, die von der „Elfi“ Erstaunliches (und vor allem Banales) zu berichten wussten, oder aber neue Reimversionen von „Jelinek“ auf „Dreck“ zu finden und, nachdem endlich ausländische Zeitungen wie Der Spiegel, Die Zeit oder der Osservatore Romano über Jelinek hergezogen waren, offen Bedenken über die Vergabe eines so bedeutenden Preises an eine Kommunistin und Pornografin zu äußern. [2]
Dabei bezog sich die kurze, aber verdichtete Begründung der Schwedischen Akademie ausschließlich auf Jelineks Schreiben und stellte formelhaft eine Charakterisierung sowohl ihrer Spracharbeit als auch der Intention, die damit verfolgt wird, dar. „[F]ür den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen“ – vor allem der erste Teil der Begründung ist es wert, näher untersucht zu werden. Denn er suggeriert ein grundlegendes Kompositionsprinzip von Jelineks Werk, die Schwedische Akademie bezieht sich auf einen musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen.
Sie spricht damit etwas an, was zwar in der Jelinek-Forschung schon lange ein Stereotyp ist, jedoch bis heute nicht wirklich diskutiert wurde: die besondere Affinität von Jelineks Werk zur Musik, die besondere Verwandtschaft ihrer schriftstellerischen Arbeit zum Komponieren. „Jelinek und die Musik“ – dieses Thema birgt eine Fülle von Aspekten und Bezügen, die auch häufig biografistisch ausgeschlachtet werden. [3] weiterlesen

[1] http://nobelprize.org/literature/laureates/2004/press-d.html. (23.8.2018) (=Webseite des Nobelpreises)
[2] Vgl. Pia Janke: Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek, Wien 2005.
[3] Vgl. zuletzt Verena Mayer u. Roland Koberg: Elfriede Jelinek. Ein Porträt, Reinbek bei Hamburg 2006.

aus: Müller, Sabine / Theodorsen, Cathrine (Hg.): Elfriede Jelinek – Tradition, Politik und Zitat. Wien: Praesens Verlag 2008 (= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE. Publikationen des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums 2). S. 271-285.


Pia Janke Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft. Arbeitete als Musiktheaterdramaturgin u.a. an der Wiener Staatsoper und der Oper Bonn. 2006 Habilitation über politische Massenfestspiele in Österreich 1918-38. Ao. Univ.-Prof. am Institut für Germanistik der Universität Wien. 2004 Gründung des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums, seither Leiterin. Seit 2013 auch Leiterin der Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien. Lehraufträge an der Wiener Universität für angewandte Kunst und an der Musikuniversität. Bücher u.a. zu Peter Handke, Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, zum Libretto und zu interdisziplinären Themen.


ZITIERWEISE
Janke, Pia: Jelinek und die Musik. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/das-projekt/pia-janke/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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