Tamara Štajner 

Interview mit Elfriede Jelinek: 
„Musiker sind Interpreten, Schriftsteller schaffen etwas“

Tamara Štajner: Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Literatur und Musik, haben Sie einen unterschiedlichen Zugang zu den beiden?
Elfriede Jelinek: Ich würde sagen, dass ich mit Worten komponiere. Ich arbeite mit dem Klang, der Lautlichkeit von Sprache, also auch mit Assonanzen, Alliterationen, Metathese (das sind ja zum Teil sehr alte Formen von Literatur, noch aus der Antike), bis hin zum billigsten Kalauer, aber gerade aus dem spricht die Sprache dann, aufgrund ihrer Klanglichkeit, selbst. Mir wird das oft vorgeworfen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass unmusikalische Menschen mit meinem Schreiben kaum etwas anfangen können. Und aus dem Orgelstudium kenne ich natürlich die Agogik und weiß, dass ich, wo ich das Pathos riskiere, woanders ein triviales Gegengewicht setzen muss, damit das Ganze nicht aus dem Rhythmus fällt.
Tamara Štajner: Sind Schriftsteller freier als die klassischen Musiker? Wie verstehen Sie Freiheit?
Elfriede Jelinek: Das kann man nicht vergleichen. Musiker sind Interpreten, Schriftsteller schaffen etwas. Natürlich hat der, der etwas schafft, eine größere Freiheit.
Tamara Štajner: Wie haben Sie sich wahrgenommen als eine Musikerin und wie als die Schriftstellerin? Wie würden Sie den geistigen Zustand eines klassischen Musikers und den eines Schriftstellers vergleichen?
Elfriede Jelinek: Ich kann ja nicht sagen, dass ich Musikerin je war. Ich habe das studiert, und ich habe sehr gern am Klavier begleitet (ich habe nie gern solo gespielt), Kammermusik gespielt etc. Aber eigentlich bin ich Organistin. Nein, die Zustände kann man nicht vergleichen, finde ich. Aber man lernt Disziplin, wenn man ein Instrument erlernt. Das ist sehr hilfreich beim Schreiben gewesen.
Tamara Štajner: Gibt es eine Verbindung zwischen Rhythmus und Melodie in der Sprache und Musik?
Elfriede Jelinek: Also bei mir schon, aber nicht bei allen AutorInnen. Wenn man mit der Sprache selbst und ihrer Klanglichkeit arbeitet, dann ist das natürlich sehr wichtig fürs Schreiben. Ich würde sicher anders schreiben (oder gar nicht), wenn ich nicht auch Komposition studiert hätte, zumindest eine Zeit lang. Man lernt, sein Material nach anderen Kriterien als nur den semantischen zu organisieren. Aber, wie gesagt, da folgen einem dann nicht viele. Weil sie die Methode nicht durchschauen. Für die ist das dann reines Wortgeklingel.
Tamara Štajner: Auf welcher Ebene treffen sich Ihrer Meinung nach die Musik und die Literatur? Wo kann eine weiter, höher gelangen als die andere?
Elfriede Jelinek: Also am Vollkommensten treffen sich Sprache und Musik für mich in den Liedern Schuberts. Beide durchdringen einander in einer Weise, die kaum zu beschreiben ist. Man versteht nicht, dass Schubert so furchtbare Opern mit so furchtbaren Texten geschrieben hat und dann so wunderbare Lieder. Es muss nicht eines höher gelanden als das andere, sie müssen einander ergänzen und durchdringen, wenn man vokale Arbeiten schreibt zumindest.
Tamara Štajner: Welche Aspekte Ihrer Persönlichkeit hat das Musikstudium gefordert? Wo in Ihnen hinterließ die Musik starke Spuren?
Elfriede Jelinek: Ich habe nie sehr fleißig geübt, das muss ich zugeben. Vielleicht meinen zum Autoritären neigenden Charakter? Ich habe nie frei improvisiert, auch auf der Orgel nicht, aber ich habe mich immer bemüht, die Noten, die Partitur zu durchdringen. Und bei der Orgel muss man ja besonders diszipliniert sein. Allein die Zeit, die man auf die Fingersätze aufwenden muss! Das ist ja ein mathematisches System, nach dem man seine Finger bewegen muss.
Tamara Štajner: Spielen Sie noch ein Instrument?
Elfriede Jelinek: Nein, überhaupt nicht mehr. Zuletzt vor etwa zehn Jahren, da habe ich eine Freundin, die Gesang studiert hatte, noch am Klavier begleitet. Inzwischen höre ich sogar Musik nicht mehr oder nur sehr selten.
Tamara Štajner: Wie haben Sie die Klangfarbe der Viola empfunden?
Elfriede Jelinek: Ich liebe sie, diese Mischung aus Helligkeit und dunkler Einfärbung. Ich hatte eine sehr große (eigentlich zu große) Bratsche, mit einem sehr weichen, warmen Ton. Meine Geige war dagegen unangenehm schrill.

aus: Štajner Tamara: Musik und Literatur. Vergleich des künstlerischen und musikalischen Ausdrucks in Werken von Schulhoff, Jelinek, Kleindienst und Ligeti. Wien, Dipl. 2012.


ZITIERWEISE
Štajner, Tamara: Interview mit Elfriede Jelinek: „Musiker sind Interpreten, Schriftsteller schaffen etwas“. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/das-projekt/interview-mit-elfriede-jelinek/ (Datum der Einsichtnahme) (=Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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