Gespräch mit Johanna Doderer, Helga Utz, Susana Zapke,
moderiert von Irene Suchy


Gender.Komik.Subversion

Irene Suchy: Unser Ausgangspunkt ist das thematische Dreieck Gender, Komik und Musiktheater. Gleich zu Beginn maße ich mir Kritik an: ich habe im Lexikon Musik und Gender nachgeschlagen – Komik kommt darin nicht vor. In Rebecca Grotjahns musikwissenschaftlichem Beitrag für das Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung kommt das Musiktheater kaum vor. In der Operngeschichte von Michael Walter wird Gender und Komik gar nicht thematisiert. Wir berühren hier eine Schnittstelle, die fehlt. Komik, Musiktheater, Gender: was wäre – ausgehend von deinem Œuvre oder sonstigen Werken – deine erste Assoziation zu diesem Thema, Johanna?
Johanna Doderer: Die zeitgenössische Musik ist sehr humorlos. Das ist bestimmt ein Grundproblem. Gewollte Komik ist wahnsinnig sensibel, hängt sehr von den InterpretInnen ab und auch von einer gewissen Lust oder Freiheit im Geist. In der zeitgenössischen Musik ist das eher die Ausnahme.
Irene Suchy: Das ist ein gutes Stichwort: Komik hängt von den InterpretInnen ab. Interpretinnen und Interpreten haben einen Körper. Performance und Körper sind in Bezug auf die Komik für mich die wesentlichsten Schnittstellen. Mit den beiden Begriffen „Körper“ und „Performance“ steche ich in alle Gebiete der Musikwissenschaft, da es kaum Studien zur Performance gibt. Ich halte mich an Erika Fischer-Lichte und verwende den Begriff „Aufführung“. Ein weiterer Begriff, der damit zu tun hat, ist der des „Neuen Musiktheaters“ bzw. der „Avantgarde“, welcher ebenfalls in der Musikwissenschaft umstritten ist. Wir tun uns in der Musikwissenschaft diesbezüglich sehr schwer und grenzen viel aus. Wie hast du in deinem Werk versucht, Komik anzustreben? Wie gehst du das als Komponistin an?
Johanna Doderer: Auch der ernsteste Moment hat etwas Komisches in sich. Um dies zu verstärken, ist Komik notwendig. Absichtlich kann Komik jedoch nicht hergestellt werden.
Irene Suchy: Wie gehst du beim Komponieren vor? Es gibt zum Beispiel komische Instrumente oder Entkoppelungen von Instrumenten, die aus einem anderen Milieu kommen und Reisen durch soziale Schichten unternehmen. Bei gestopften Instrumenten lacht man immer. Witzig wäre etwa auch eine Mundharmonika, die in einer Oper verwendet wird. Das wäre ein sehr komisches Requisit.
Johanna Doderer: Oder Instrumente in extremen Lagen, die sehr hoch oder sehr tief sind. Auch Imitationen können lustig sein. In der Instrumentation ist eine große Vielfalt möglich. Gerne lasse ich den Interpreten Freiräume, in denen Komik entstehen kann. Dies ist das Schwierigste und Sensibelste beim Komponieren. weiterlesen

Gespräch, stattgefunden am 21.11.2017 im Rahmen des Symposiums "Das Lachen ist der Ausnahmezustand". Komik und Subversion im Musiktheater


Johanna Doderer Kompositionsstudium bei Beat Furrer in Graz. Ab 1995 folgen Studien bei Erich Urbanner und Klaus-Peter Sattler (Film- und Medienkomposition) in Wien. Ihr Werk erstreckt sich von der Kammermusik über Orchesterwerke bis hin zu Oper und Musiktheater (z.B. Falsch verbunden mit einem Text von Daniel Glattauer, 2006, Der Strom, 2006, Der leuchtende Fluss, 2010, Papagenono. Eine Miniatur-Mono-Oper mit Texten von Franzobel, 2011). Sie hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, zuletzt etwa den Ernst-Krenek-Preis.

Irene Suchy Musikredakteurin bei Ö1, lehrt an der Universität Wien und an der KUG Graz; außerdem arbeitet sie als Ausstellungsmacherin, Moderatorin, Dramaturgin und Literatin. 2016 erarbeitete sie zusammen mit Michael Mautner die Bühnenfassung zu Staatsoperette. Die Austrotragödie, eine Bearbeitung der Staatsoperette von Franz Novotny und Otto M. Zykan, die bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde.


Helga Utz 
Studium der Fächer Orgel Konzertfach, Germanistik und Musikpädagogik in Wien und promovierte an der TU Berlin bei Carl Dahlhaus aus Musikwissenschaft über die musikalische Syntax bei Franz Schubert. Sie war 16 Jahre lang Opern- und Konzertdramaturgin an der Staatsoper Stuttgart, wo sie sich vor allem für zeitgenössische Musik einsetzte. Neben musikwissenschaftlichen Beiträgen schreibt sie auch mehrere Stücke und Libretti und gründete 2009 die OPER UNTERWEGS.

Susana Zapke Studium der Musikwissenschaft und Literaturwissenschaft an der Albert-Ludwig Universität Freiburg i. Breisgau und an der Universität Köln, Habilitation an der Universität Salzburg. Klavierstudium am Conservatorio Superior de Música de San Sebastián und an der Musikhochschule Freiburg i. Breisgau, Kontrabass an der École Nationale de Musique in Bayonne. Seit 2009 Professorin für Musikwissenschaft an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie Prorektorin. Aktuelle Forschungsschwerpunkte: intellektuelle Referenzsysteme des Fin de siècle und der Imaginerie der Moderne. 


ZITIERWEISE
Suchy, Irene: Gender.Komik.Subversion Gespräch mit Johanna Doderer, Helga Utz, Susana Zapke, moderiert von Irene Suchy. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/biographisches-kontexte/musikalische-kontexte/johanna-doderer-irene-suchy-helga-utz-susana-zapke/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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