Elisabeth Panny

Zur Intermedialität von Musik und Literatur in Ingeborg Bachmanns Malina

(Diplomarbeit, 2014, Universität Wien)

"Malina", 1991. Filmplakat

Wenn Wendelin Schmidt-Dengler konstatiert: „Es fällt […] auf, dass die österreichische Literatur es mit der Musik hat, und zwar ganz innig“[1], so gilt dies im besonderen Maß für die österreichische Literatur nach 1945. Einerseits herrscht vor allem in der Wiener Gruppe und somit bei Autoren wie Gerhard Rühm, H.C. Artmann, Konrad Bayer und auch bei Ernst Jandl ein Protest gegen die traditionelle Sprachverwendung vor, der sich künstlerisch in der Arbeit mit Sprache als Material und der daraus folgenden Lautdichtung äußert. Besonders Rühm setzt sich mit der „Musikalisierung der Sprache“[2] auseinander, durch die „die sprachlichen Zeichen zum unmittelbaren, klingenden Ausdruck des Gemeinten werden.“[3] AutorInnen wie Heimito von Doderer[4], Thomas Bernhard[5], Gert Jonke[6], Elfriede Jelinek[7] und Peter Handke[8], die jeweils verschiedene  musikalische Ausbildungen besitzen, thematisieren andererseits Musik und verwenden deren Strukturmerkmale in ihrer Erzählliteratur. Betrachtet man  die kurz vor bzw. nach Ingeborg Bachmanns Roman Malina Erscheinen 1971 veröffentliche Prosa der eben genannten AutorInnen, so finden sich zahlreiche Werke, in denen Musik auf sehr unterschiedliche Art und Weise präsent ist. Elfriede Jelinek arbeitet in ihren frühen Texten mit Material, das der Popkultur entstammt und in der somit die Popmusik eine besondere Rolle spielt. Die Studie Lea Müller-Dannhausens über wir sind lockvögel baby! zeigt, dass es  in dem 1970 erschienen Werk zahlreiche Referenzen auf die zeitgenössische Pop- und Beatmusik, repräsentiert unter anderem durch die Beatles und die Rolling Stones, sowie auf zeitgenössische Schlagermusik gibt.[9] Zeitgleich nimmt auch Peter Handke die Popmusik als Bezugspunkt in seinem Werk auf. Für sein Frühwerk weist dies Sascha Seiler vor allem für den Gedichtband Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt und für die 1972 erschienene Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied nach.[10]Klassische Musik spielt im Frühwerk Jelineks und Handkes eine weniger prominente Rolle, was sich bekanntermaßen vor allem in Jelineks späteren Werken ändert. Anders verhält es sich mit den Werken von Gert Jonke und Thomas Bernhard. Jonke, für dessen Texte Musik spätestens mit seiner Romantriologie „zum dominanten Thema“[11] wird, widmet sich der E-Musik vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik anhand von  Künstlerfiguren und Themen der Musikgeschichte, was sich auch in einigen Werktiteln widerspiegelt. weiterlesen

[1] Schmidt-Dengler, Wendelin: Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990. Salzburg, Wien: Residenz. 2. Aufl.  1996, S. 454.
[2] Janke, Pia: Lautdichtung und Sprachmusik. In: Krones, Hartmut (Hg.): Stimme und Wort in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wien: Böhlau 2001 (Wiener Schriften zur Stilkunde und Aufführungspraxis, Band 1 der Sonderreihe „Symposien zu WIEN MODERN), S. 216.
[3] Ebd., S. 216.
[4] Vgl. Brinkmann, Martin: Musik und Melancholie im Werk Heimito von Doderers. Wie u.a.: Böhlau 2012 (Literaturgeschichte in Studien und Quellen; 21).
[5] Vgl. Bloemsaat-Voerknecht, Liesbeth: Thomas Bernhard und die Musik. Themenkomplex mit drei Fallstudien und einem musikthematischen Register. Würzburg: Königshausen und Neumann, 2006. (Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft. Bd. 539).
[6] Vgl. Schönherr, Ulrich: „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Zum Ort der Musik im Erzählwerk Gert Jonkes. In: Melzer, Gerhard / Pechmann, Paul (Hg.): Sprachmusik. Grenzgänge der Literatur. Wien 2003, S. 119– 151.
[7] Vgl. Janke, Pia: Elfriede Jelinek und die Musik. Versuch einer ersten Bestandsaufnahme. In: Melzer, Gerhard und Paul Pechmann (Hg.): Sprachmusik. Grenzgänge der Literatur. Wien 2003, S. 189–207.
[8] Vgl. Melzer, Gerhard (Hg.): Peter Handke: „Über Musik“. Graz: Droschl 2003.
[9] Vgl. Müller-Dannhausen, Lea: Zwischen Pop und Politik. Elfriede Jelineks intertextuelle Poetik in wir sind lockvögel baby! Berlin: Frank & Timme 2011. Zugl. Leipzig, Univ., Diss. 2010, S. 168–184.
[10] Vgl. Seiler, Sascha: »Das einfach wahre Abschreiben der Welt«: Pop-Diskurse in der deutschen Literatur nach 1960. Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht 2006, S. 196–220.
[11] Trabert, Florian: »Kein Lied an die Freude«. Die Neue Musik des 20. Jahrhunderts in der deutschsprachigen Erzählliteratur von Thomas Manns Doktor Faustus bis zur Gegenwart. Würzburg: Ergon 2011. (Germanistische Literaturwissenschaft; 1), S. 401.


Elisabeth Panny Studium der Musikwissenschaften an der Universität Wien. 2010-2014 Studium der Germanistik und Italienisch an der Universität Wien. Abschlussarbeit über die Intermedialität von Musik und Literatur in Ingeborg Bachmanns Malina.


ZITIERWEISE
Panny, Elisabeth: Zur Intermedialität von Musik und Literatur in Ingeborg Bachmanns „Malina“. http://www.elfriede-jelinek-forschungszentrum.com/wissenschaftsportale/musik/biographisches-kontexte/literarische-kontexte/elisabeth-panny/ (Datum der Einsichtnahme) (= Elfriede Jelinek und die Musik. Intermediales Wissenschaftsportal des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums).


  

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