"[...] in einer virtuellen Neuerschaffung und musikalischen Überhöhung [...]"

Olga Neuwirths Umgang mit Text und Sprache Elfriede Jelineks

von Stefan Drees

 

"[...] daß es im Grunde mein Sprechen ist, das wirkt und jeden bezaubert": Erfahrungsräume hinter den Stimmen im Hörstück Todesraten.

 „[...] in einer virtuellen Neuerschaffung und musikalischen Überhöhung [...]“: Dieses Zitatfragment Olga Neuwirths kann als knappe, aber dennoch treffende Charakterisierung für die Auseinandersetzung der Komponistin mit Texten und Sprache Elfriede Jelineks sowie für ihren darauf bezogenen Umgang mit dem Phänomen der Stimme dienen. Es entstammt einem Werkkommentar, den die Komponistin anlässlich der Uraufführung ihrer 1996/97 entstandenen Komposition für Sprecher, vier Solisten (Bassklarinette, Tenorsaxophon, E-Gitarre, Kontrabass) und Zuspiel-CD (mit der Stimme von Marianne Hoppe) nach zwei Monologen von Elfriede Jelinek geschrieben hat. bildet seinerseits die musikalische Grundlage für das 1997 beim Bayerischen Rundfunk produzierte Hörstück Todesraten (1997). Da es hier um identisches musikalisches Material und um dieselben Texte geht – um zwei Monologe nämlich, die in erweiterter Form in Jelineks Ein Sportstück eingegangen sind –, lässt sich Neuwirths Werkkommentar zu mit wenigen Abstrichen auch auf Todesraten übertragen. Er liest sich wie eine voller Selbstzweifel steckende Vorüberlegung zur Auseinandersetzung mit Jelineks sprachlich durchgeformten Textvorlagen: „Diese Texte“, so die Komponistin, „brauchen kein Rundherum – schon gar nicht das, was eigentlich die an mich gestellte Aufgabe ist: selbständig stehende Musik – parallel zum Text.“ Dennoch glaubt Neuwirth, „durch ein Text-Musikgewebe“ könne möglicherweise „etwas Neues, Eigenes entstehen, auch wenn Sprache und ihre immanenten Strukturen nicht mehr wirklich zu verstehen sind“, und fragt dann, wie nach Bestätigung suchend: „Wir können diesen Texten aber in einer virtuellen Neuschaffung und musikalischen Überhöhung – also einer neuen Aura, [sic] die Vielfalt, Musikalität, Komplexität und Schärfe des jeweiligen Dichters wiedergeben, oder?“ Den Texten eine „neue Aura“ verleihen: In Hinblick auf Todesraten bedeutet dies für die Komponistin, sich mit vorab aufgenommenen Stimmen, also mit der Sprache als präexistentem Klangobjekt, auseinanderzusetzen, da Neuwirth dem Hörstück die Charakteristika zweier individueller Stimmen und die dadurch eröffneten Wahrnehmungsräume zugrundelegt. Dass sie den beiden ProtagonistInnen dabei eine unterschiedliche weiterlesen

 

Stefan Drees: 1997 musikwissenschaftliche Promotion über das Spätwerk Luigi Nonos, seit 1998 Lehrauftrag für Musikwissenschaft an der Folkwang Universität der Künste in Essen. 2009 Habilitation an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Seit 2011 Professurvertretung am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Jüngste Buchveröffentlichung: Körper Medien Musik: Körperdiskurse in der Musik nach 1950.


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