Buffosopran und Koloraturtenor - von der verkehrten Musikwelt in Körperliche Veränderungen

von Irene Suchy

 

Körperliche Veränderungen ist ein Musiktheater für acht Sänger, Orchester und Live-Elektronik nach Elfriede Jelinek, komponiert 1990/91 und uraufgeführt bei den Wiener Festwochen 1991. Das Werk ist auf Anregung der Theater-Dramaturgin Elisabeth Wäger, also nicht der Musikschiene, für die Reihe Zeit/Schnitte. Neue Heimaten / Neue Fremde der Wiener Festwochen entstanden. Es ist ein dichtes musiktheatralisches Oeuvre, Olga Neuwirths erstes Auftragswerk für die Wiener Festwochen. Das Instrumentalensemble ist mit solistischer Flöte, Klarinette, Trompete, Posaune, Violine, Violoncello und Kontrabass sowie Elektronik und Live-Elektronik angegeben, es existiert auch eine Fassung für Klavier und Percussion. Die Stimmgattungen sind extrem detailliert gefordert: Hoher Sopran, Sopran, Mezzosopran, Hoher Buffotenor, Charakterbariton, Buffobariton, Tenorsprecher und Basssprecher. Das verweist einerseits auf Anforderungen wie auch auf Codes insofern, als diese Fachgattungen in der Oper des 19. Jahrhunderts mit anderen Anforderungen belegt waren. Das Musiktheaterstück ist extrem ökonomisch, es entfaltet in der kleinen Besetzung eine enorme klangliche Vielfalt, auch indem an die Vokal-Stimmen Percussions-Anforderungen gestellt werden, sowohl Mund- wie Körperpercussion – Klatschen, Schnalzen, Blubbern chorischen Ensembles.

Als Olga Neuwirth 1991 ihr Musiktheater für acht Sänger, Orchester und Live-Eletronik Körperliche Veränderungen zur Aufführung bringen konnte, lag – was die Komponistin 1995 in einem Gespräch mit Reinhard – hinter der 23-Jährigen eine intensive Opernkarriere. Vieles war in den Jahren von 1984 an, die den damaligen Teenager prägten, erprobt worden, unter Anleitung erschaffen und im Jugendmusikfestes Deutschlandsberg 1984, dem ersten einer Reihe von 20, ist die 15-Jährige mit dem Begründer Hans Werner Henze und dem Mentor und Kurator Kühr abgebildet. Die kompositorische Arbeit hatte begonnen, wie in den erhaltenen Skizzen nachzusehen ist, als frei erfundene Schrift auf einer Notenzeile. Eine solche Partitur zeigt die Imagination von Melodien in Antwort auf die inhaltliche Themenstellung Sonnenuntergang – Kälte – Schneesturm – Morgen. Diese inhaltliche Vorgabe, wie sie zum ersten Kompositionsworkshop des legendären Jugendmusikfests Deutschlandsberg führte, war nichts anderes als das Aprilwetter in der Südsteiermark. Gerd Kühr, Kurator im Sinne des künstlerischen Leiters Henze, dokumentiert den Unterricht und die Aufgabenstellung an die vier Beginnenden der Komposition: Es gab ausführlichen Einzelunterricht und das Ziel der Betreuer war, es sollte ein Personalstil und eine kompositorische Unverwechselbarkeit entwickelt oder wenigstens nicht verhindert werden. Es gab Unterricht in Notation und Instrumentation und darüber hinaus eine Einübung in die Lebenskunst, wie ihn Hans Werner Henze wie kein Anderer erteilen konnte weiterlesen

 

Irene Suchy: Irene Suchy ist Musikredakteurin bei Ö1, lehrt an der Universität Wien und an der KUG Graz; außerdem arbeitet sie als Ausstellungsmacherin, Moderatorin, Dramaturgin und Literatin. 2016 erarbeitete sie zusammen mit Michael Mautner die Bühnenfassung zu Staatsoperette - die Austrotragödie, eine Bearbeitung der Staatsoperette von Franz Novotny und Otto M. Zykan, die bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde.


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